10 Fakten über Chinesisch, die jeder Mensch wissen sollte (Teil 1)

Chinesisch Basiswissen Überraschung

Chinesisch ist etwas völlig Fremdes für die meisten indo-germanischen Muttersprachler. Das bedeutet, dass die meisten Menschen über Chinesisch keine richtige Vorstellung haben. Man stellt sich diese Sprache nur bedingt mit einer ähnlichen Struktur wie die eigene Muttersprache vor. Und dadurch, dass oft die Konzepte nicht zusammenpassen, definieren wir diese fremde Sprache als „schwierig“. Dabei ist „schwierig“ oft einfach nur „unbekannt“. Dieser Artikel erklärt Dir 10 überraschende Fakten über Chinesisch, die Du nicht wusstest.

Dass Chinesisch keine Buchstaben hat, gilt mittlerweile als „common sense“. Das ist für Menschen wie mich, die gern die chinesische Sprache verbreiten, eine sehr schöne Entwicklung. Jedoch ist den meisten Leuten nicht wirklich klar, was das bedeutet. Wie wird diese Sprache aufgebaut, wenn sie keine Buchstaben hat? Wie werden Wörter aufgebaut? Nun verrate ich Dir noch etwas Verrücktes: Nicht nur hat Chinesisch keine Buchstaben, sondern auch noch keine Grammatik – nicht solche, die Du kennst. Wie kann Chinesisch als eine Sprache überhaupt funktionieren?

Für Menschen, die wenig Zeit haben, haben wir die 5 Punkte zusammengefasst:

  • Chinesisch hat keinen Wortschatz
  • Du lernst nicht eine Sprache, sondern zwei
  • Chinesisch hat keine Zeitformen
  • Fälle existieren ebenfalls nicht in Chinesisch
  • Begriffe wie Plural und Singular sind Fremdwörter

Nun kommen wir zum Inhalt:

  1. Chinesisch hat keinen Wortschatz .

    Als ich gerade angefangen hatte, Deutsch zu lernen, hat ein Lehrer mir eine sehr interessante Lektion erteilt. Da konnte ich mich gerade einigermaßen in Deutsch ausdrücken, und ich hatte mir irgend ein Wort ausgedacht. Er hat mich plötzlich gefragt: Haben Sie einen deutschen Pass?
    Ich war verwirrt und antwortete sofort nein. Daraufhin sagte er mir: „Dann merken Sie sich eines: Nur Leute, die einen deutschen Pass besitzen, dürfen ein neues deutsches Wort erfinden. Andere nicht.“
    Ich will hier gar nicht darüber diskutieren, ob der Lehrer recht hatte. Eines steht fest: Man kann ein deutsches Wort nicht beliebig neu erfinden.

    Wortschatz setzt voraus, dass es eine begrenzte Anzahl an Wörtern in einer Sprache gibt. In Chinesisch gibt es diesen Begriff nicht, weil man beliebig neue Wörter erfinden kann, sobald man zwei Schriftzeichen zusammensetzt. Sie müssen nur zusammen einen Sinn ergeben.

    In einem früheren Beitrag von mir habe ich schonmal darüber gesprochen: Vergiss Wortschatz, lern „Satzschatz!
    Wie vorhin erwähnt, gibt es in Chinesisch keine Buchstaben. Und das ist die erste Konsequenz daraus. Da die Wörter nicht aus Buchstaben bestehen, gibt es kein solches Konzept, aus ein paar Buchstaben ein bestimmtes Wort zu bauen.
    Die Grundelemente der chinesischen Sprache sind die chinesischen Schriftzeichen. Davon gibt es insgesamt 83,000. Am häufigsten verwendet werden ca. 5000. Man kann sagen, dass man mit 5000 Schriftzeichen die meisten Zeitschriften und Zeitungen lesen kann. Aber die Schriftzeichen sind nicht gleich Wörter, daher kann man die Menge, die ein Mensch an Schriftzeichen beherrscht, nicht mit dem Wortschatz vergleichen. Jedoch bedeutet das nicht, dass es in Chinesisch keine Wörter gibt.

    Wie ich vorhin erwähnt habe, verstehe ich auch, dass dieses Konzept Dir sehr fremd ist. Daher will ich Beispiele nehmen, die Dir möglichst nah stehen, sodass Du sofort verstehen kannst, was das bedeutet.

    Wir fangen mit dem deutschen Wort „Fußball“ an.

    Fußball auf Deutsch
    Das Wort besteht aus zwei Wörtern: Fuß + Ball.

    In Chinesisch funktioniert ebenfalls so, „zu qiu“ heißt es. Also wortwörtlich: Fuß + Ball. (Wie spricht man „zu“? Hier kannst Du mehr erfahren: Chinesische Aussprache in 30 Minuten)

    Chinesisch Deutsch Fußball
    Dabei ist „zu“ (Aussprache etwa „dsu“) ein Zeichen, und „qiu“ ein Zeichen. Beide Schriftzeichen werden zusammengesetzt. Beide Elemente können aber auch wieder getrennt werden, um andere Wörter zu bauen.
    In diesem Fall können wir z. B. gleich lernen, dass „lan qiu“ (Korb + Ball) ein Basketball ist. Dabei ist „lan“ (Korb) ein Schriftzeichen, das wiederum in einem anderen Wort eingesetzt werden kann, z.B. „cai lan“ (Gemüse + Korb), das bedeutet ein Einkaufskorb.
    Und das kann unendlich weitergehen. Diese Schriftzeichen können alle als einzelne Elemente immer wieder eingesetzt werden, und wenn Du willst, kannst Du beliebig weiter Wörter bauen. Solange eine Kombination Sinn macht, ist es ein Wort. Kannst Du erraten, was „Gießen + Korb“ (guan lan) bedeutet.
    Es heißt „Dunking“ beim Basketball spielen. Das beschreibt etwa, wie der Basketball durch den Korb läuft.

    Nun verstehst Du vielleicht, dass jeder Mensch jeden Tag unzählige neue Wörter bilden kann – was in China auch ständig passiert. iPhone heißt „ai feng“ (liebe + verrückt), eine „Dreieck Liebe“ beschreibt eine Beziehung mit drei Menschen, einer von denen ist mit zwei anderen zusammen. Und die dritte Person heißt „xiao san“ (klein + drei), also statt was man in Englisch als „the other man/woman“ kennt, heißt hier einfach „der/die kleine Dritte“.

    Aber in Deutsch funktioniert die Sprache nicht so. Man kann zwar „Fußball“ sagen, aber einen „Korbball“ gibt es nicht, er heißt „Basketball“. „Dunking“ gibt es in Deutsch einfach nicht, man nimmt  einfach einen englischen Begriff. „Federball“ geht wiederum, während „Pingpong Ball“ wieder nicht geht. Daher wirst Du überrascht sein, wie einfach Chinesisch ist, wenn Du einmal anfängst, die sogenannten „Vokabeln“ zu lernen. „Netzball“ ist Tennis, weil ein Netz das Spielfeld trennt. Und Tischtennis ist selbstverständlich „Pingpong Ball“.

    Chinesisch Deutsch Ball

    Diese Eigenschaft belebt Chinesisch, da täglich neue Wörter beliebig auftauchen können. Auch wenn das theoretisch in Englisch oder Deutsch auch passiert, sind die Neubildungen bei Weiten nicht so flexibel oder gar verrückt wie in Chinesisch.

    Ich könnte stundenlang darüber reden, wie ein chinesisches Wort aufgebaut werden kann. Vielleicht hilft es Dir, wenn Du Dir vorstellst, dass Chinesisch ein lebendiges Latein ist. D.h. während man in Deutsch kein neues Wort „einfach so“ erfinden kann, weil die Wurzel der Sprache, das Latein, nicht mehr lebt, kann man in Chinesisch beliebig neue Wörter bilden. Das ist ein „Latein“, das noch sehr lebendig existiert und Menschen, die diese alte Sprache beherrschen, definieren sie auch tatsächlich täglich neu. Zwar ist der Punkt in Deutsch ähnlich, aber die Regelung in Deutsch oder Englisch, oder jeglichen mit Latein verwandten Sprachen müssen doch schauen, dass bestimmte Regeln eingehalten werden müssen. Z.B. „ich würden Dich gern adden“ geht, aber „ich würde Dich gern addieren“ ist einfach nur falsch.

  2. Chinesisch ist nicht eine Sprache, sondern zwei.

    Dieses Thema habe ich schon einmal im Artikel: „5 Wahrheiten über Mandarin, die Du wissen sollst“ erwähnt.
    Das ist eine weitere Konsequenz davon, dass Chinesisch nicht aus Buchstaben besteht. Dadurch, dass die Grundelemente chinesische Schriftzeichen sind, werden keine Buchstaben zusammen gesetzt, die sowohl für die Schrift, als auch zur Aussprache dienen.

    Wir nehmen wieder das Beispiel Fußball in Deutsch:

    Fußball Deutsch Aussprache
    Das ist etwas, was vielen nicht bewusst ist. Weil man als indo-germanische Muttersprachler es für selbstverständlich hält, dass die Schrift immer ein Hilfsinstrument für die Aussprache ist, egal, ob lateinische Buchstaben, oder andere. Deutsch ist natürlich ein besonders gutes Beispiel, da die deutsche Aussprache sehr nah an der Schrift liegt. So nah, dass man kein IPA (International Phonetic Alphabet) braucht, wenn man Deutsch lernt. Aber auch bei Sprachen wie Englisch, dient die Schrift als Hilfsinstrument, um ein Wort auszusprechen.  Auch, wenn man ein zweites System benötigt, um die Aussprache ganz korrekt zu treffen. Man kann daher auch oft raten, wie ein Wort ausgesprochen wird, selbst wenn man das Wort noch nie gesehen hat.

    In Chinesisch funktioniert es anders. Wir nehmen auch hier wieder das Beispiel „Fußball“:

    Chinesisch Aussprache Fußball
    Hier kann man sehen, dass die Aussprache „zu qiu“ in keinerlei in Verbindung zu “足球” steht. Man könnte auch nie raten, wie „足球“ ausgesprochen werden kann, wenn man die Zeichen nicht vorher kennt. Die Schrift dient nicht als Hilfsinstrument der Aussprache, sondern existiert eigenständig. Das Gesprochene dafür ist eine eigene Sprache.

    Das ist der Grund, warum wir penetrant darauf bestehen, dass Du nicht mit den Schriftzeichen anfängst, und als Anfänger auch nicht die chinesischen Schriftzeichen lernen sollst. Du solltest diese natürlich lernen, aber nur wenn Du schon einigermaßen Chinesisch sprechen gelernt hast. Wie das funktioniert, habe ich in einem anderen Artikel erklärt: „Ich möchte chinesische Schriftzeichen lernen„.

  3. Chinesisch hat keine Zeitformen

    Das überrascht die meisten Menschen. Oft sage ich einfach pauschal, dass Chinesisch keine Grammatik hat. Denn die „Grammatik“ funktioniert auch nur, wenn man Buchstaben hat. Ich höre oft Sätze wie: „Darf ich es so sagen, dass Chinesisch noch sehr primitiv ist?“
    Das klingt furchterregend, liegt aber oft daran, dass Menschen, die mit einem Sprachsystem vertraut sind, das in Buchstaben existieren, sich einfach nicht vorstellen können, wie eine Sprache sonst noch einer größere Komplexität entwickeln kann. Mit Buchstaben wird eine Sprache zwangsläufig komplexeren Sprachregeln entwickeln, da die Buchstaben endlich sind.
    Da Chinesisch auf Schriftzeichen basiert ist und die Schriftzeichen beinah unbegrenzt sind (ich wüsste echt gern, wer wirklich die 83,000 Schriftzeichen kennt), liegen die Eleganz und Komplexität der Sprache in unbekannten Schriftzeichen. Allein das Wort „Rot“ in Chinesisch gibt es in mehr als 5 verschiedenen Ausdrücken: 红, 赤,朱,绯,丹… Mir fallen gleich 5 ein. Und es ist auch nicht so, dass nur für eine bestimmte Situation ein Zeichen verwendet wird. Statt dessen würde ein anspruchsvoller Mensch ein komplexeres  Wort für „rot“ verwenden.

    Das führt dazu, dass Dinge wie Zeitenformen in Chinesisch völlig unnötig sind. Wenn man „gestern“ in einem Satz eingesetzt hat, dann ist es Vergangenheit. Und wenn ein Wort wie „bereits“ in einem Satz auftaucht, dann ist es schon geschehen. Die Funktion von Zeiten wird in Chinesisch durch Wörter ersetzt. Und deshalb gibt es keine Zeitformen und alles wird in Infinitiv ausgedrückt:

    Ich gestern gehen einkaufen sein.
    Deine Hausaufgaben schreiben fertig geworden Fragezeichen?
    Wir morgen gehen sehen Filme gut nicht gut?

    Das sind alles korrekte Sätze! Kein Wunder, dass einige Leute Chinesisch für primitiv halten!

  4. Chinesisch hat keine Fälle

    Ähnlich wie bei den Zeiten, gibt es in Chinesisch auch keine Fälle. Das ist Dir vielleicht bedingt bekannt, denn die Fälle in Englisch sind deutlich einfacher als in Deutsch, daher kann man sich etwa vorstellen, wie das funktioniert.

    In Deutsch kann man sagen „Ich liebe Dich“ oder „Dich liebe ich“, das ändert nichts. In Englisch ändert sich komplett die Aussage. So wie man in „I love you“ and „You love me“ beliebig austauschen und dabei auch den Sinn völlig verändern kann, ist es auch so in Chinesisch. Nur, das gilt für alle Fälle, nicht nur für „I“, „you“ und „we“. Noch dazu braucht man keine Unterscheidung zwischen „I“ und „me“.

    Deswegen sind Sätze sehr einfach in Chinesisch. Weil man die Wörter nicht ändert. Man lernt ein Wort und kann es dann auch verwenden:

    Chinesisch Deutsch Konjutation

  5. Begriffe wie „Singular“ oder „Plural sind Fremdwörter in Chinesisch

    Das ist wieder ein Resultat davon, dass man keine Buchstaben hat. Singular oder Plural gibt es als Begriff in Chinesisch, aber sie spielen keine Rolle in der Sprache. Insgesamt  verwendet man (fast) ausschließlich Singular zu allen Nomen, Plural taucht nur auf, wenn es als ein Ausruf dient. Zum Beipsiel „laoshi“ (Lehrer/in/nen) und „tongxue“ (Mit/Schüler/in/nen) werden oft in einer Plural-Form aufgerufen als:qin’ai de (liebe) laoshi men (Plural), tongxue men (Plural)

    Aber wenn man die Wörter dann tatsächlich verwendet, wie zum Beispiel: „Die LehrerInnen und SchülerInnen von xy Schule haben ein Projekt gestartet.“ braucht man keinen Plural. Daher existiert dieses Phänomen, wird aber so gut wie nie verwendet.

Der Artikel ist lang geworden, ist aber noch nicht fertig. Heute kommt noch das Teil zwei von:

10 Faktoren über Chinesisch, die Dein Konzept über Sprachen aus der Bahn werfen.

Fortsetzung folgt.

5 Kommentare zu “10 Fakten über Chinesisch, die jeder Mensch wissen sollte (Teil 1)

  1. Danke, Tina! Ja, ich will es so gut erklären, dass die Leute besser verstehen, dass Chinesisch einfach nur anders ist, aber nicht schwerer! Ich werde weiter schreiben!

    1. Danke, Tianci!!! Und ich dachte noch, dass der Artikel viel zu schwer ist, dass niemand ihn lesen würde. Ich werde noch weiter schreiben, mir fehlt noch ein Punkt, den ich bei der Planung gehabt hatte… Aber das werde ich noch zu ende schreiben!

  2. Ich musste etwas schmunzeln beim ersten Punkt „Wortschatz“. Ich bin der Meinung es ist absolut legitim Wörter neu zu kombinieren oder in einen anderen Kontext zu setzen (die können auch eine bestimmte Aussage provozieren). So sage ich beispielsweise im alltäglichen Sprachgebrauch zum Smartphone: „Taschenspiegel“ (Wegen der Spiegeloberfläche), zum (schrecklichen) Oxford-Englisch: „Londonisch“. Oder ich übersetze englische Wörter, die es im deutschen so nicht gibt ironisch -> „Internetz“
    Anderes Beispiel: Es heißt immer nur: „Google das mal!“ Weil ich aber so eine Abneigung gegen Google habe, aber nicht weiß wie man es nennen könnte, wenn man mit Yahoo, bing oder anderen Suchmaschine seiner Wahl surft: sage ich provokativ auch: „Websearchen“. Manchmal aber auch „Bingen“ 😉

    Die Welt wäre arm, wenn man immer nur nach dem „das darf man aber nicht“ handeln würde.
    In der Hinsicht ist chinesich sehr fortschrittlich.

    Deutsch hat eben seine Mankos. z.B. gibt es kein Wort das den Zustand beschreibt, wenn man nicht mehr durstig ist. Beim Essen sagt man „Ich bin satt“. Was sagt man aber statt dessen beim Trinken? Vor Jahren hat man mal versucht den Begriff „Sitt“ zu etablieren, aber das is ganz schnell wieder in der Versenkung versunken. Zu recht wie ich finde, denn das Wort is einfach nur doof. „ich bin sitt und satt“ häääää?
    Vielleicht ist ja Jemand kreativ und erfindet ein neues Wort 😉

    Nobody is perfect – und besonders nicht deutsch.

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